Das Tao te King
Rund fünftausend chinesische Schriftzeichen, verteilt auf 81 kurze Kapitel: Das Tao te King gehört zu den knappsten Büchern der Weltliteratur und zugleich zu den meistübersetzten. Es wird dem Weisen Laozi zugeschrieben und ist die Gründungsschrift des Daoismus.
Der Titel
Tao (heute meist Dao geschrieben) bedeutet wörtlich Weg, aber auch das Sprechen und das Leitende. Te (De) meint die Kraft oder Wirkung, die aus dem Tao in jedem Wesen lebendig wird. King (Jing) bezeichnet ein klassisches, grundlegendes Buch. Den Namen Tao te King erhielt das Werk erst in der Han-Zeit, vorher hieß es schlicht nach seinem Verfasser: der Laozi.
Aufbau
Die überlieferte Fassung hat zwei Teile. Die Kapitel 1 bis 37 bilden das Buch vom Tao, die Kapitel 38 bis 81 das Buch vom Te. Die Kapitel sind keine fortlaufende Abhandlung, sondern verdichtete Sprüche, oft in Reimen und Parallelismen, die für das Hören und Erinnern gemacht sind. Das ist einer der Gründe, warum sie sich so gut zum Singen eignen.
Entstehung und Überlieferung
Lange galt die Fassung mit dem Kommentar des Wang Bi (3. Jahrhundert n. Chr.) als maßgeblich. Archäologische Funde haben das Bild erweitert: 1973 wurden in Mawangdui zwei Abschriften auf Seide aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, in denen der Teil über das Te vor dem Teil über das Tao steht. 1993 kamen in Guodian Bambusstreifen aus der Zeit um 300 v. Chr. ans Licht, die etwa ein Drittel des Textes enthalten. Heute nehmen viele Forschende an, dass das Werk über längere Zeit gewachsen ist und im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. seine Gestalt fand.
Zentrale Gedanken
Das Unsagbare. Gleich der erste Satz stellt klar, dass sich das eigentliche Tao nicht aussprechen lässt. Das Buch zeigt, statt zu definieren.
Wu wei, das Nicht-Eingreifen. Gemeint ist kein Nichtstun, sondern ein Handeln ohne Zwang und Eigenwillen, das den Dingen ihren Lauf lässt.
Das Weiche und das Wasser. Wasser nützt allen, streitet nicht und nimmt den niedrigsten Platz ein. Und doch überwindet das Weiche das Harte.
Die Leere. Erst der leere Raum macht das Gefäß brauchbar, erst die Öffnung das Haus bewohnbar.
Rückkehr und Einfachheit. Alle Dinge kehren zu ihrer Wurzel zurück. Das Bild dafür ist das unbehauene Holz, das Ursprüngliche vor jeder Formung.
Richard Wilhelms Übertragung
Richard Wilhelm (1873 bis 1930) ging 1899 als Pfarrer nach Tsingtau in China und wurde zu einem der wichtigsten Vermittler chinesischen Denkens in Europa. Seine Übertragung des Tao te King erschien 1911 im Verlag Eugen Diederichs in Jena, später folgten unter anderem das I Ging und die Zusammenarbeit mit C. G. Jung.
Seine auffälligste Entscheidung: Er übersetzt Tao durchgehend mit Sinn und Te mit Leben. In seinem Vorwort begründet er das damit, dass das Wort Tao für Laozi selbst nur ein Zeichen für etwas Unaussprechliches sei und eine deutsche Übersetzung ein deutsches Wort verdiene. So wird aus dem Tao te King bei Wilhelm das Buch vom Sinn und Leben.
Der Sinn, der sich aussprechen läßt, ist nicht der ewige Sinn.
Kapitel 1, Übertragung Richard Wilhelm
Wilhelm ist 1930 gestorben. Seine Übertragung ist deshalb seit 2001 gemeinfrei und darf frei verwendet werden. Für die Lieder dieser Vertonung wurde sie teils frei bearbeitet, damit sie sich singen lässt, und die Liedtitel sind eigene Deutungen der Kapitel.
Diese Vertonung
Jedes der 81 Kapitel ist hier ein eigenes Lied von zwei bis drei Minuten. Die Musik soll den Text nicht illustrieren, sondern ihm Raum geben: ruhiger Puls, tiefer Bass, Handpan, Gitarre, Flöte und Geige, dazu Wasser, Wald und Vogelstimmen. Man kann die Stücke einzeln hören, der Reihe nach, oder als kurze Zwischenstücke in Tanz- und Bewegungsabende einfügen.