Tao te King

Das Buch vom Sinn und Leben, in 81 Liedern vertont

Laozi, der alte Meister

Tuschezeichnung: Laozi als alter Weiser mit langem weißem Bart und Wanderstab sitzt auf einem Felsen am Bergbach und lässt Wasser durch seine Hand rinnen, dahinter Wasserfälle und Berggipfel
Laozi, künstlerische Darstellung. Ein authentisches Bildnis ist nicht überliefert.

Laozi, bei Richard Wilhelm Laotse, ist weniger ein Name als ein Ehrentitel. Er bedeutet der Alte oder der alte Meister. Über den Menschen dahinter wissen wir kaum etwas Gesichertes, und gerade das passt zu einem Buch, das dem Unbenennbaren gewidmet ist.

Was die Überlieferung erzählt

Die älteste Lebensbeschreibung stammt von dem Historiker Sima Qian und entstand um 100 v. Chr., also mehrere Jahrhunderte nach der Zeit, in der Laozi gelebt haben soll. Danach hieß er Li Er, stammte aus dem Staat Chu und war Archivar am Hof der Zhou-Dynastie. Er soll im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben und etwas älter gewesen sein als Konfuzius.

Berühmt ist die Begegnung der beiden: Konfuzius soll Laozi um Rat in Fragen der Riten gebeten haben. Laozi riet ihm, seinen Stolz und seine vielen Wünsche abzulegen. Konfuzius verglich ihn danach mit einem Drachen, den man nicht fassen kann, weil er auf Wind und Wolken zum Himmel steigt.

Der Abschied am Grenzpass

Tuschezeichnung: ein schwarzer, mit Schriftrollen beladener Ochse vor dem Tor des Grenzpasses Hangu mit der Inschrift 函谷關, in der Ferne geht Laozi in weißem Gewand durch das Tor
Am Pass Hangu (函谷關), künstlerische Darstellung

Als der Staat der Zhou zerfiel, soll Laozi sein Amt verlassen haben und nach Westen gezogen sein, der späteren Legende nach auf einem Ochsen reitend. Am Grenzpass bat ihn der Wächter Yin Xi, sein Wissen aufzuschreiben, bevor er für immer verschwinde.

Tuschezeichnung: Laozi mit weißem Bart und Wanderstab spricht am Grenzpass mit dem gerüsteten Wächter Yin Xi, der eine Schriftrolle hält, im Hintergrund Soldaten und ein beladener Ochse
Laozi und der Wächter Yin Xi, künstlerische Darstellung

So entstand, der Erzählung nach, das Buch in zwei Teilen mit gut fünftausend Zeichen. Dann zog Laozi weiter, und niemand weiß, wo er geblieben ist.

Tuschezeichnung: Laozi in weißem Gewand wandert mit Wanderstab einen Bergpfad hinauf in die Wolken, tief unten liegt das Tor des Grenzpasses im Abendlicht
Der Weg nach Westen, künstlerische Darstellung

Diese Szene hat viele Künstler beschäftigt. Bertolt Brecht machte sie 1938 zum Gegenstand seines Gedichts über die Entstehung des Buches Taoteking, in dem der Zöllner die eigentliche Hauptfigur ist: Ohne ihn, der fragt, wäre die Weisheit mit ihrem Träger verschwunden.

Tuschezeichnung: der Wächter Yin Xi in Rüstung liest aufmerksam eine Schriftrolle, neben ihm steht Laozi, ringsum gestapelte Schriftrollen und Truhen
Der Wächter liest, was Laozi hinterlassen hat. Künstlerische Darstellung

Mensch, Legende, Gottheit

Schon Sima Qian war unsicher und nannte weitere mögliche Personen, die hinter dem Namen stecken könnten. Die heutige Forschung hält es für wahrscheinlich, dass das Tao te King nicht von einem einzelnen Autor in einem Zug geschrieben wurde, sondern Sprüche aus einer längeren Überlieferung bündelt. Laozi steht dann für eine Haltung mehr als für eine Biografie.

Im Lauf der Jahrhunderte wuchs die Legende weiter. Eine Erzählung lässt ihn nach über achtzig Jahren im Mutterleib mit weißem Haar zur Welt kommen, daher auch die Deutung seines Namens als das alte Kind. Im religiösen Daoismus wurde er schließlich als Gottheit verehrt, als Taishang Laojun, der höchste alte Herr.

Wirkung

Laozis Gedanken prägten die chinesische Kultur über zwei Jahrtausende: Politik, Medizin, Kampfkunst, Malerei und Dichtung. Zusammen mit dem Zhuangzi bildet das Tao te King das Fundament des philosophischen Daoismus, und im Chan-Buddhismus, in Japan als Zen bekannt, leben viele seiner Bilder weiter.

In Europa wurde das Werk seit dem 19. Jahrhundert immer wieder übersetzt. Richard Wilhelms Fassung von 1911 erreichte ein breites Publikum und beeinflusste Schriftsteller und Denker wie Hermann Hesse und C. G. Jung. Bis heute zählt das Buch zu den meistübersetzten Texten der Welt.

Was Laozi hinterlassen hat, ist kein Lehrgebäude, sondern eine Einladung: still zu werden, weich zu bleiben und dem zu vertrauen, was von selbst geschieht.